“Lehrautomaten” oder die MOOC-Vision der späten 60er Jahre

Gut, es waren die Jahre der Raumfahrt und der Mondlandung im Jahr 1969 verbunden mit Technikeuphorie. Dennoch war von einer massenhaften Verbreitung von Computern nicht viel zu sehen. Und das Internet steckte noch nicht einmal in den Kinderschuhen. In einem Aufsatz in dem Sammelband „Die Rolle der Wissenschaft in der modernen Gesellschaft“ visioniert der Kybernetiker Karl Steinbuch über „Technik und Gesellschaft im Jahr 2000„. Der gesamte Beitrag ist sehr lesenswert.

„Es wird kaum mehr Industrieprodukte geben, in welche Computer nicht hineingewoben sind, etwa so, wie das Nervensystem in Organismen hineingewoben ist. Es wird weder Werkzeugmaschinen, noch Fahrzeuge, noch Belehrungstechnik, noch Bürotechnik, noch wissenschaftliche Forschung, noch technische Entwicklung, noch sonst irgendeinen Bereich produktiver Tätigkeit geben, der nicht die Computertechnik intensiv benutzt.“ Auch die „immaterielle Zustellung von Zeitungen und Briefen“ wird beschrieben, obwohl die durch eine Automatik übertragenen „Zeitungen oder Briefe auf Fotopapier“ fixiert werden. Das erinnert doch noch mehr an Fax als an Email und Web.

Besonders interessant wird allerdings die Vision von Bildung im Jahr 2000:

„Programmierte Instruktion und die Lehrautomaten“ würden eine große Bedeutung im Zeitalter sich rasch verändernder Lebensumstände bekommen. Diese könnten gleichzeitig „Hunderte oder Tausende von Schülern bedienen. […] Ein Lehrautomat, der von einem möglichst großen Teilnehmerkreis aus anwählbar ist, steht in einer Zentrale und ist über eine Anschlußeinheit angeschlossen. Durch eine spezielle Durchwahlnummer wir die Auswahl verschiedener Programme ermöglicht. Die Anschlußeinheit ist mit billigen Speichern ausgerüstet, in welche aus dem Lehrautomaten in kurzer Zeit das gewünschte Programm übernommen werden kann, um dann dem Schüler mit Bild und Ton zur Verfügung zu stehen.“

Ebenso wird sehr interessant auf mögliche neue Lernkulturen eingegangen: „Wenn solche technischen Möglichkeiten gegeben sind, dann wird das Verhältnis des Menschen zum Lernen möglicherweise stark verändert: Es ist nicht mehr ein kollektiver Dressurakt der Kinder, sondern ein interessantes Spiel für jung und alt, das während der langen Freizeit aus persönlicher Initiative heraus und nach persönlichem Geschmack betrieben wird, und bei dem man sich nicht vor Mißerfolgen fürchtet, sondern diese als Anreiz zu besserem Lernen empfindet.“

lernautomat
(Ein Klick auf die Grafik vergrößert diese.)

Nicht verschwiegen sei an dieser Stelle der politische Wandel Karl Steinbuchs (1917-2005) vom SPD-Engagement bis zum rechtsnationalen Revisionisten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.